Buchblog, Roman

Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin

Wird sie erwischt und bestraft? Oder doch nicht?

Die 17-jährige Schülerin Nuphar arbeitet während der Sommerferien in einer Eisdiele. Sie ist unscheinbar, ihre beste Freundin zieht neuerdings mit anderen durch die Gegend und ihre jüngere Schwester ist schöner und beliebter als sie es jemals sein wird.

De Tage tröpfeln ereignislos vor sich hin, als der narzisstische und  inzwischen erfolglose Sänger Avischai Milner die Gelateria betritt und das Mädchen einer Kleinigkeit wegen aufs Übelste beschimpft und demütigt. Nuphar rennt weinend davon. Er verfolgt sie, packt sie am Arm, sie schreit. Leute eilen herbei. Und in diesem Moment hätte Milner besser geschwiegen, doch er tut es nicht. Und so, ganz ohne Nuphars zutun kommt eine Lüge auf die Welt.

Erneut bombardierte er sie mit Schimpfwörtern, und seinen Schmähungen ging es wie Heißluftballons – das Feuer hob sie in die Lüfte. »Du feistes Flusspferd, nicht mal mit einem Stock hätte ich dich angerührt«, gefolgt von einem weiteren Arsenal an Beleidigungen.

Alle fragten etwas, doch Nuphar hörte nichts, war taub vor Schluchzen, und es war nicht ihre Schuld, dass außenstehende Betrachter jeden Schluchzer als ein Nicken auslegten. »Hat er dich angefasst«, fragten sie, und das bedeckte Gesicht erzitterte, das hieß, bestätigte, und jeder weitere Jammerlaut unterstrich dies, und jedes weitere Nicken verwies bereits auf eine Schlagzeile in der Zeitung von morgen.

Die Lüge entwickelt ein Eigenleben, Nuphar wird zu Fernsehshows eingeladen, sie erhält Geschenke, steht überall im Mittelpunkt. Das Mädchen ist auf einmal beliebt. Auch von ihren Eltern erhält sie so viel Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Eine Zuwendung, die sie geniesst und auch wieder nicht, weil sie von Zweifeln und Schuldgefühlen geplagt wird. Doch die 17-Jährige sieht keine Möglichkeit, wie sie unbeschadet aus dem Strudel der Ereignisse aussteigen könnte. Nuphar ist Täterin und Opfer zugleich.

Irgendwann kommt die Mutter dem jungen Mädchen auf die Schliche und muss sich entscheiden: Geht sie zur Polizei, um den Umschuldigen vor der drohenden Gefängnisstraffe zu retten? Oder schweigt sie, um ihre Tochter vor den Folgen dieser Lüge zu beschützen?

Fazit:

Ein Roman über die Liebe: Mutterliebe, Schwesterliebe, auch über die erste Liebe. Ein Buch über das Leben, über Ereignisse, die eine Eigendynamik entwickeln, die kaum noch zu bremsen ist.
Ich hätte mir gewünscht, die Lüge wäre eine andere gewesen, weil viel zu oft Frauen sexuell in Bedrängnis geraten und keine Möglichkeit finden, sich Gehör zu verschaffen. Zum Glück werden im Buch auch solche Geschehnisse aufgezeigt.
Die erste Hälfte des Buches ist unerträglich spannend. In der zweiten Hälfte der Geschichte hat es ein paar Längen. Doch die schöne Sprache hilft der Leserin darüber hinweg.

»Lügnerin« ist tiefgründig, die Figuren wunderbar. Ein grosses Lesevergnügen.

Ayelet Gundar-Goshen
Lügnerin
Roman

Original: Ha-Schakranit we ha-Ir
Aus dem Hebräischen von Helene Seidler
Hardcover
2017, 336 Seiten